Soap&Skin with Ensemble & Choir

Fr, 21.09.2012 - 21:00 Uhr
Einlass: 20:00 Uhr

Astra Kulturhaus

VVK: 24,00 € (zzgl. Gebühr)

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http://soapandskin.com/

   

Soap&Skin with Ensemble & Choir

Spätestens seit der feuilletonistischen Inflationierung von Michel Foucaults These vom „Tod des Autors“ gilt, dass nichts an Pop mehr echt sein könne, ja eigentlich nie gewesen sei, da immer schon: inszeniertuneigentlichartifiziell – soll heißen, alles nur Konstrukt, was uns als authentisch verkauft werden will.

Aber diskursresistent, wie unsere Herzen sind, gieren wir – das Publikum des Spektakels – nach dem behaupteten Absterben des Authentischen auch noch nach dessen Anschein, um so das Echte zumindest als Gespenst am Leben erhalten zu können. Besser eine schöne Lüge als die traurige Wahrheit.

So ist heute im Großen und Ganzen aber auch der Popstand der Dinge: Second-Hand-Erregung schafft routiniert Artefakte, die wir im Wissen um ihre Gemachtheit cool genießen können.

Wenn dann in eine solch emotionale Wüste eine wie Soap&Skin einschlägt wie der Blitz, dann vergeht einem erstmals Hören und Sehen: Grenzt diese rückhaltlose Entäußerung nicht schon an eine Verletzung des Beichtgeheimnisses? Werden wir hier Geisel eines Terrors der Intimität?

Der aufgeklärte Popkritiker flüchtet sich vor solchen Zumutungen schnell in eine milde Abgeklärtheit und bescheinigt der Künstlerin ein unreflektiertes Verhältnis zum eigenen Gefühlshaushalt und dessen Ausstellung als Leidens-Performance.

Der Fan hingegen weiß und schätzt gerade, dass Soap&Skin – wider besseren Foucaultschen Wissens – die Kategorie des Selbst auch und gerade in höchster Bedrängnis nicht bereit ist aufzugeben. Und statt Abstand zu gewinnen von sich selbst und all diesem Selbst zu nahe Gehenden, schleicht sich Soap&Skin nun noch heftiger als auf ihrem Debutalbum Lovetune for Vacuum an sich heran, um so aus und von ungeschützter Distanzlosigkeit sprechen zu können.

Allein schon die Unterschiede beider Soap&Skin-Portraits: Inszenierte sich die Musikerin am Cover von Lovetune for Vacuum noch als Zwitter aus präraffaelitischer Muse und Gothic-Diva, so könnte man meinen, diesmal habe ein aktuelles Passfoto reichen müssen, wüssten wir nicht, dass bei Soap&Skin selbst ein scheinbarer Schnappschuss auf die Absicht verweist: eben bereits am Cover näher bei und zu sich als „Privatperson“ zu stehen - nicht nur um das Image der „Unnahbaren“ zu konterkarieren, sondern auch um so eine größtmögliche und ehrliche Annäherung an die als Fake entlarvte Authentizität zu illustrieren.

Das Eröffnungsstück „Vater“ - ein beklemmendes Lamento über den Verlust eines geliebten Menschen – macht deutlich, wie konkrete Trauer endgültig alle Distanz zwischen Sender und Empfänger zum Verschwinden bringt. Der im Pop so leicht zu habende sentimentale Weltschmerz verflüchtigt sich augenblicklich vor dem realen Schmerz im Angesicht des Todes. Anjas Vater verstarb im Juli 2009 - aus heiterem Himmel. Da hört sich Pop eigentlich auf, auch wenn dieser Deathsong als Lovesong für einen Toten gelesen werden kann. Die phonetische Widerborstigkeit der deutschen Sprache im Pop tut ein Übriges um dieses Klagelied in Affektenkunst-Traditionen jenseits aller Indie-Melancholia überzuführen.

Danach folgt zum Glück nur eine ebenso berührende wie spooky Coverversion des französischen One-Hit-Wonders „Voyage Voyage“ von 1986, dessen innere Schönheit erst durch Soap&Skins Entschlackung nun endlich voll erstrahlt. Kurios aber auch, dass Bettina Rheims’ lyncheskes Video zum Original mit dessen morbider Bildsprache bereits Anjas 

Hauntology-Adaption vorwegnimmt.

Und dann ein Song der ausgestorbenen Gattung Wiegenlied. Bei Soap&Skin verkehrt sich dessen Funktion einer psychoakustischen Einschlafhilfe ins schiere Gegenteil: dieser „Cradlesong“ – definitiv Anti-Dreampop - ködert zwar mit einer wunderbar einlullenden Melodie, doch seine Lyrics bereiten eine traurig schlaflose Nacht. In einer solchen könnte einem „Wonder“ erscheinen, als Herzstück der Begrifflichkeit von Narrow. Statt einen Ausweg zu finden aus einem fiktiven Dialog, der sich gebetsmühlenhaft im Kreis dreht, manifestiert sich dieser in einem rituellen „Call and Response“ zwischen Soap&Skin und einem Kollektiv das keine Antwort weiß, dafür aber zärtlich seine Arme öffnet. Oder die gehetzte Abschieds-Arie „Big Hand Nails Down“, deren orchestrale Wucht nach einem Grand Finale in Cinemascope schreit, nach einem Ende to end it all.

Nicht nötig, nun alle acht Songs (neun mit „Jail“ als iTunes-Download-Bonus) phänomenologisch zu durchhecheln, aber auf die feine semantische Verschiebung, die der Buchstabe N im Wort Deathmetal erzeugen kann, darf hingewiesen werden: Bei Soap&Skin wird daraus Deathmental, und das Stück klingt dann auch genau so, wie es heißt: Als ob Deathmetal implodieren und seine Gedärme sich nach außen stülpen würden.

„Die Ästhetik der Nacht“, so heißt ein unlängst erschienener 1300seitiger Theorieziegel des deutschen Schriftstellers und Regisseurs Heinz-Gerhard Friese, in dem der Begriff „Nachtleib“ als zentraler Topos eingeführt wird. Der Autor bezeichnet damit nicht nur die physische Präsenz der Nacht, sondern auch einen Menschen, der die Nacht im Leib trägt.

Narrow ist Balsam für den Nachtleib, gleichzeitig auch ein Einschreiben, nein: Einritzen in diesen instabilen Körper und nicht zuletzt überwältigender Beweis dafür, dass Verletzlichkeit gerade in Zeiten forcierter Körperpanzerung große Kunst zu schaffen imstande ist.

Allerdings muss man sehr ausgeschlafen sein, um so begnadet stilsicher und souverän wie Soap&Skin durch den äußeren und inneren Nachtleib streifen zu können.